Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur -  Reisephotographie
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Giorgio Sommer: Neapel, Hafen und St. Elmo, 1883, Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln

22.4. – 21.8.2011

Historische Reisephotographie
1850–1890

Mit Werken von James und Domenico Anderson, Henri Béchard, Félix Bonfils, Giacomo und Carlo Brogi, Giuseppe Cimetta, Maxime Du Camp, Francis Frith, John B. Greene, Eugenio Interguglielmi, Jakob August Lorent, Pascal Sébah, Giorgio Sommer u. a.

Das Genre der Reisephotographie spielte bereits in der Frühzeit des Mediums eine bedeutende Rolle. Es galt nicht nur, Orte und Landschaften abzubilden, sondern auch Baudenkmäler und Kunstwerke als Teil des kulturellen Erbes zu dokumentieren. So hatte schon François Arago bei der Vorstellung der Daguerreotypie 1839 in der Akademie der Wissenschaften in Paris auf die große Bedeutung für Fachgebiete wie die Archäologie hingewiesen. Waren die Forscher in der Nachhut von Napoleons Ägyptenfeldzug noch von Zeichnern begleitet worden, die die antiken Stätten und Denkmäler detailliert aufnahmen, so machten sich nun die Daguerreotypisten und Kalotypisten in den Mittelmeerraum auf, um die Bauwerke und plastischen Darstellungen zu photographieren. Bald bildeten diese Aufnahmen nicht mehr nur die Vorbilder für gemalte oder gestochene Veduten, sondern wurden selbst in den Handel gebracht.

Große Attraktion übten die Staaten Italiens aus, wohin es zuvor bereits Maler und Bildhauer in großer Zahl gezogen hatte. Neben den aus Florenz, wie Giacomo Brogi, Venedig, wie Giuseppe Cimetta, oder Palermo, wie Eugenio Interguglielmi, stammenden Photographen bedienten auch reisende mittel- und nordeuropäische Lichtbildner den großen Markt der Italienansichten. Einige, wie James Anderson oder Giorgio Sommer, siedelten ganz nach Rom bzw. Neapel über.

Gleichzeitig machten sich einige Photographen nach Nordafrika, Syrien und Palästina oder noch weiter entfernte Regionen auf. Die ersten Reisephotographen waren zum großen Teil sehr wohlhabend oder wurden auf ihren Exkursionen finanziell von Förderern unterstützt. Meist aus England, wie Francis Frith, Deutschland, wie Jakob August Lorent, oder Frankreich, wie Maxime Du Camp und John B. Greene, stammend, durchquerten sie in staatlichem Auftrag oder aus eigener Begeisterung insbesondere Ägypten und den Nahen Osten. Hier fanden sie Zeugnisse jahrtausendealter Kultur wie die Pyramiden und antiken Tempel, entdeckten den Orient als Innbegriff des exotisch Verlockenden und Fremden oder besuchten die Stätten, die ihnen aus der Bibel vertraut waren. Ihre Photographien brachten sie mit zurück nach Europa und publizierten sie in zumeist aufwändigen und exklusiven Mappen oder Alben.

Zur damaligen Zeit zu photographieren war schwierig, insbesondere in heißem Wüstenklima und meist ohne fachmännische Ausbildung. Umso höher sind die Ergebnisse zu schätzen, die seither oft verschwundene oder nun viel stärker verwitterte Denkmäler zeigen. Ein Photograph reiste um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit enormem Gepäck, da Vergrößerungen kaum möglich waren, das Negativformat also dem des endgültigen Abzugs entsprechen musste und daher häufig mehrere Kameras mitgeführt wurden. Entschied sich ein Photograph für die leichteren und unzerbrechlichen Papiernegative, so musste er mit Ergebnissen zufrieden sein, die die Papierfaser sichtbar ließen. Bevorzugte er die akkurate Schärfe der nassen Kollodiumnegative, so musste er mit Glasplatten hantieren, diese kurz vor der Aufnahme präparieren und direkt anschließend entwickeln, seine gesamte Laborausrüstung und eine Dunkelkammer also immer mit sich führen. Erst mit den aufnahmefertig vorbereiteten Trockenplatten und schließlich den Gelatinesilbernegativen konnte die weitere Verarbeitung auf einen späteren Zeitpunkt und günstigere Bedingungen verschoben werden, was die Arbeit der Photographen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts enorm erleichterte.

In den Ländern südlich und östlich des Mittelmeeres gab es nur wenige Photostudios, die von einheimischen Photographen betrieben wurden. Seit den 1860-er/70-er Jahren siedelten sich jedoch europäische Photographen, wie Félix Bonfils oder Henri Béchard, mit Ateliers in den großen Städten Kairo, Konstantinopel oder Beirut an und verkauften ihre Photographien vor Ort an die immer zahlreicher werdenden Touristen. Diese besuchten bereits mit Hilfe von Reiseveranstaltern wie Thomas Cook die Fremde und fanden in Reiseführern wie dem Baedecker alle notwendigen Erklärungen und Ratschläge, so auch, in welchen Ateliers man Erinnerungsphotographien erwerben konnte. Zumeist arbeiteten die europäischen Photographen auch mit Assistenten und Operateuren aus den jeweiligen Ländern zusammen, die schließlich nach und nach die Ateliers oder Dependancen übernahmen. In Europa stellten die im nahen Osten ansässigen Photographen oft auf den Weltausstellungen oder anderen Industrieschauen aus und wurden vielfach prämiert. Photographiert wurden alle Stätten von historischer oder kultureller Bedeutung sowie malerische Orte, die ein Tourist zu sehen und an die er sich zu erinnern wünschte. Oft belebten Einheimische die Aufnahme und stellten gleichzeitig einen Maßstab her, um gigantische Säulen und Skulpturen nicht nur in ihrer Form, sondern auch in ihrer Größe erlebbar zu machen. Trotz der starken Sonnenstrahlung waren die Belichtungen wegen der geringen Empfindlichkeit der Materialien noch verhältnismäßig lang und die Szenerien wirkten anfangs noch statisch und gestellt. Einzelportraits oder kleine Gruppen von religiösen Führern, edlen Stammesfürsten, Händlern und Handwerkern oder verschleierten Frauen mit ihren Kindern wurden im Atelier arrangiert. Besonders schöne Beispiele dieser Studioportraits entstanden im Atelier von Pascal Sébah.

Die Ausstellung in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur konzentriert sich auf drei klassische Reiseziele: Ägypten sowie die Levante, also Palästina und den Libanon, die zur damaligen Zeit zum Osmanischen Reich gehörten und die Staaten des zunächst noch unvereinigten Italien. Der Schwerpunkt der Exponate liegt auf Kunstdenkmälern und Landschaften, ergänzt um einige Darstellungen des täglichen Lebens und Einzelportraits. Aus den drei Regionen werden Aufnahmen präsentiert, die ungeachtet der Bekanntheit des dargestellten Objektes die Baukörper anschaulich schildern oder die Atmosphäre eindringlich widerspiegeln. Besonderes Augenmerk wurde bei der Auswahl darauf gelegt, die Beispiele der Architektur- und Landschaftsphotographie miteinander in Beziehung zu setzen und Vergleiche herzustellen. Es konnten aus den reichen Sammlungen der Reiss-Engelhorn Museen(rem)/Forum Internationale Photographie(FIP), des Museum Ludwig, Köln, Fotografische Sammlung (Sammlung Lebeck/Sammlung Agfa) und dem Rautenstrauch-Joest-Museums – Kulturen der Welt, historisches Fotoarchiv, Köln, hochkarätige und in ihrer Darstellung überzeugende Aufnahmen für die Schau ausgeliehen werden, die vereinzelt um eigene Sammlungsstücke ergänzt wurden. Trotz der Reduktion auf drei Regionen und Einzelbeispiele nur ausgewählter Photographen wurde der Versuch unternommen, die Vielfalt von Reisephotographie in den verschiedenen Bildfindungen, Formaten, Techniken und Präsentationsformen deutlich zu machen. In Kombination mit den gleichzeitig präsentierten Ausstellungen kann bei den Photographien aus Italien über einen Zeitraum von 100 Jahren ein direkter Vergleich mit den Aufnahmen von August Sander und von Ruth Hallensleben gezogen werden, etwa bei Bildern aus Pisa, Amalfi oder Venedig.

Begleitprogramm zur Ausstellung

Künstlergespräch mit Hans Eijkelboom:
Donnerstag, 8. Dezember 2016 19 Uhr
Donnerstag, 9. März 2017, 19 Uhr

Vortrag von Dr. Sinah Kloß, Ethnologin:
Donnerstag, 19. Januar 2017, 19 Uhr

Vortrag von Dieter Roelstraete,
Kurator documenta 14:

"The Book of People
"
Donnerstag, 2. Februar 2017, 19 Uhr

Photo-Workshop für Jugendliche:
Samstag, 11. März 2017, 14 bis 17 Uhr

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Öffentliche Führungen

An jedem Sonntag während der Laufzeit der Ausstellung, 15 Uhr,
ohne Voranmeldung



Die Photo-Detektive...Wir entdecken eine Ausstellung:

Samstag, 3. Dezember 2016, 15–16.30 Uhr
Samstag, 11. Februar 2017, 15–16.30 Uhr
Samstag, 18. März 2017, 15–16.30 Uhr
Führungen für Kinder von circa 6–12 Jahren, mit Verena Günther
individuelle Buchungen möglich, Infos unter Tel.: 0221/88895300


Studenten für Studenten:
"Photographie als Langzeitstudie – Konzepte in Hans Eijkelbooms künstlerischem Werk",
Führung mit Lina Weber am Dienstag,
13. Dezember 2016, 17.30 Uhr

Das Führungsprogramm wird von der Fördergesellschaft der Photographischen Sammlung unterstützt.

On Tour:

Mit anderen Augen.
Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie


14. Oktober 2016 bis 15. Januar 2017

Kunsthalle Nürnberg und Kunsthaus im KunstKulturQuartier

weitere Informationen zur Ausstellung

Kinderführungen

Öffnungszeiten und Eintritt

Während der Laufzeit ist die Ausstellung täglich von 14 bis 19 Uhr geöffnet, mittwochs geschlossen
Eintritt 5,50 € (erm. 3,00 €)
An jedem ersten Montag im Monat freier Eintritt!