Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur -  Jean Paul Derrider
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Jean-Paul Deridder: aus Stadt der Kinder, Berlin, 07/2000 © Jean-Paul Deridder, 2013

24. September 2011 – 5. Februar 2012

Jean-Paul Deridder

Stadt der Kinder

Die Werkgruppe Stadt der Kinder des belgischen Photographen Jean-Paul Deridder ist zwischen 1998 und 2010 auf einem brachliegenden Grundstück in Berlin-Mitte, Alte Schönhauserstraße, entstanden, das als Abenteuerspielplatz zwischengenutzt wurde. Kinder und Jugendliche konnten hier nach eigenen Wünschen und Ideen Klettergerüste, Hütten, Brücken oder andere Konstruktionen frei gestalten. Damit entstanden viele phantasievolle Gebilde in einer ungewöhnlichen, bisweilen anarchisch anmutenden Ästhetik, aus kindlicher Sicht so nützlich wie funktionslos oder dekorativ. Wirken die Konstruktionen einerseits provisorisch und fragil, so strahlen sie doch eine große Lebendigkeit und unerschöpfliche Gestaltungsfreude aus. Die Neuerfindung von Formen spielt dabei ebenso eine wichtige Rolle wie das Nacheifern einer Erwachsenenwelt und das Ausleben grundlegender Bedürfnisse.

Jean-Paul Deridder hat die Stadt der Kinder viele Male aufgesucht und war immer wieder von den ungewöhnlichen Formationen und der Wandlungsfähigkeit des Geländes fasziniert. Alles begann mit einer viereckigen größeren Kiste, gezimmert aus Brettern und Planken. Dann schien alles Weitere wie von selbst in Gang gebracht und die Stadt der Kinder sollte sich weiterentwickeln und weiter wachsen. Wie im „wirklichen Leben“ wechselten fortan Phasen der Stagnation und Phasen eines gewissen Baubooms. Mithilfe des allseits zusammengetragenen Materials, vor allem Holz, das die Kinder und Jugendlichen beispielsweise von angrenzenden Baustellen geschenkt bekamen, entstand stetig Neues, das ergänzt, verworfen und umgebaut wurde. Zuweilen dachte Deridder bei seinen Geländeerkundungen an eine Art begehbare Skulpturen-Montage, die vom Prinzip her Kurt Schwitters Merzbau ähnelt oder auch an die Konstruktionen und Dekonstruktionen von Gordon Matta-Clark erinnern. Das Prinzip der künstlerischen Transformation, der freien und phantasievollen Kombination von Materialen und Gegenständen wird hier wie da wirksam, wenn auch verschieden intendiert und gewendet. Der sich ständig wandelnde Raum, angefüllt mit Formen aus unterschiedlichsten Materialien sowie zahlreichen Fundstücken ebenso wie damit einhergehend, das sich verändernde Raumgefühl, wird zum zentralen Untersuchungsobjekt, hier sowohl in intuitiver Weise für die Kinder und Jugendlichen als auch reflexiv für den beobachtenden Photographen.

Die für seinen betrachteten Gegenstand offenbar typische Perspektivvielfalt sucht Jean-Paul Deridder entsprechend in mehrerlei Hinsicht nachzuzeichnen und einer eigenen Ordnung zu unterstellen. In der Präsentation seines Konvoluts in Raum 2 der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur richtet er sich dabei nach chronologischen wie nach ästhetischen Gesichtspunkten. So bietet er uns in seiner Langzeitstudie einerseits verschieden dimensionierte Übersichtsaufnahmen des Geländes und gibt damit auch Hinweise auf das sich anschließende städtische Umfeld. Andererseits macht er uns quasi aus der Innensicht des Terrains heraus mit unmerklich, leicht übersehbaren Details vertraut und führt uns systematisch verschiedene Ansichten und Bauphasen bestimmter Objekte vor Augen. Damit einhergehend vermittelt er uns auch ein atmosphärisches und klimatisches Bild des Orts, der einmal in flackerndem Sonnenlicht liegt, ein andermal in eher grau diffusem Licht vorgestellt wird. Nie aber begegnen wir den jungen Menschen selbst, allein ihre Hinterlassenschaften und das Formenspiel finden das Interesse des Künstlers, der uns das Gelände ähnlich einer archäologischen Ausgrabungsstätte nahebringt, insofern diesem auch eine gewisse Zeitlosigkeit verleiht. Ansichten einzelner oder ganzer Ensembles von kleinen Hütten wechseln mit solchen von Holzwänden und Verbindungswegen, die dem Betrachter einen imaginären Gang durch das mit einzelnen Bäumen und Gebüsch bewachsene Gelände ermöglichen. Fühlt man sich bisweilen auch in ein Bühnenbild oder Labyrinth, bestehend aus seltsam verwirrenden Gebilden unklarer Funktionen versetzt, so vermögen die zahlreichen Graffiti auf einer der angrenzenden Hauswände ebenso wie drei je nach Jahreszeit verschieden belaubte Pappeln eine gewisse Orientierung zu geben. Sie lassen auf einen Zeitlauf schließen, fungieren als Koordinaten und mögen wie ein verschlüsselter Kommentar des Geschehens wirken. Verschiedentlich finden sich im Bildhintergrund Elemente der realen, das Gelände umgebenden Stadt, Fassaden von Wohnhäusern oder parkende Autos. Sie bilden für die Stadt der Kinder eine Art Kulisse und nicht zuletzt eine Möglichkeit der Verortung im großstädtischen Alltag. Die Stadt der Kinder bildete über zehn Jahre hinweg quasi ein kleines alternatives Universum im sich wandelnden Markokosmos Berlin. Heute existiert die Stadt der Kinder in dieser Form nicht mehr, das Grundstück ist verwaist und wartet auf seine Neubestimmung. Jean-Paul Deridder hat in seiner Werkgruppe ein Stück dieses temporären Freiraums bewahrt.

Das von Jean-Paul Deridder erarbeitete Projekt wird in der aktuellen Ausstellung in Raum 2 erstmals umfangreich mit rund 75 Photographien aus dem Fundus des Künstlerarchivs vorgestellt. 

Jean-Paul Deridder, *1963, hat von 1984–88 an der Ecole des Recherches Graphiques in Brüssel studiert. Von 1990 bis 93 hat er von der Stichting Ateliers ’63 in Haarlem eine Förderung erhalten, 2002 ein Stipendium des Landes Nordrhein-Westfalen. Dieses ermöglichte ihm das Photographieprojekt Cinema, welches er mit Unterstützung des FotoMuseum Provincie Antwerpen und im Rahmen des Forschungsvorhabens The Enlighted City der Universitäten Antwerpen und Ghent bis 2007 fortführte. Jean-Paul Deridder lebt und arbeitet in Brüssel. Seine Arbeiten werden von der Galerie Thomas Zander, Köln, vertreten.

Am Donnerstag, 13. Oktober 2011, 19 Uhr, findet eine Künstlerführung mit Jean-Paul Deridder durch die Ausstellung Stadt der Kinder statt.

Publikation

Jean-Paul Deridder
Stadt der Kinder, Berlin

Hrsg. Thomas Zander
Text von Michael Hirsch

Deutsch, Englisch 2008
104 Seiten, 64 Abb. in Duplex
31,00 x 24,70 cm
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-7757-2286-5

vergriffen

Rahmenprogramm zur Ausstellung
Der typologische Blick

Veranstaltungsübersicht

Öffentliche Künstlerführung
mit Natascha Borowsky
Montag, 13. Juni, 18 Uhr

Vortrag "Bernd und Hilla Becher – Ein epochales Werk in seiner Entwicklung"
von Gabriele Conrath-Scholl, Leiterin Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Mittwoch, 15. Juni, 19 Uhr, Ausstellungsraum

Öffentliche Künstlerführung
mit Stefan Schneider
Montag, 20. Juni, 18 Uhr

Öffentliche Künstlerführung
mit Matthias Koch
Montag, 27. Juni, 18 Uhr

Filmpräsentation "Die Fotografen Bernd und Hilla Becher", 2010/2011, 94min.
ein Film von Marianne Kapfer
Donnerstag, 30. Juni, 19.30 Uhr,
Eintritt 7,50/erm. 5 Euro

Aufgrund der kurzen Laufzeit wird die Ausstellung auch mittwochs geöffnet sein
(14 bis 19 Uhr).

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Öffentliche Führungen

An jedem Sonntag während der Laufzeit der Ausstellung, 15 Uhr, ohne Voranmeldung

Die Photo-Detektive...Wir entdecken eine Ausstellung:
Führungen für Kinder von circa 6-12 Jahren; individuelle Buchungen möglich, Infos unter Tel.: 0221/88895300

nächster Termin:
Samstag, 25. Juni, 15–16.30 Uhr

Das Führungsprogramm wird von der Fördergesellschaft der Photographischen Sammlung unterstützt.

On Tour:

August Sander –
Der Westerwald im Spiegel
der Zeit


30. April bis 30. September 2016

Kreisverwaltung Altenkirchen

Kinderführungen

Öffnungszeiten und Eintritt

Während der Laufzeit ist die Ausstellung täglich von 14 bis 19 Uhr geöffnet,
Eintritt 5,50 € (erm. 3,00 €)
An jedem ersten Montag im Monat freier Eintritt!