Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur -  Boris Becker
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Boris Becker: Vorpommern, 2004, © Boris Becker, VG Bild-Kunst, 2013

27. November 2009 bis 28. Februar 2010

Boris Becker. Photographien von 1984–2009

Eine Ausstellung der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln, in Kooperation mit der Landesgalerie Linz am Oberösterreichischen Landesmuseum

Der Künstler Boris Becker (*1961) gehört mit zu den wichtigsten Vertretern der deutschen Photographieszene. Zwischen 1982 und 1984 studierte er bei Wolfgang Ramsbott an der Hochschule der Künste Berlin und im Anschluss bis 1990 bei Bernd Becher an der Kunstakademie Düsseldorf. Seine Arbeiten wurden in vielen Einzel- und Gruppenausstellungen in Europa (Deutschland, England, Frankreich, Italien, Niederlande, Österreich, Schweiz, Spanien, Ungarn) Amerika und Asien (Doha Katar) präsentiert. Ebenso erhielt er in den vergangenen Jahren diverse Arbeitsstipendien und Auszeichnungen (u.a. Villa Massimo, Rom, 1996, Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, 2008) und hat zwischen 2004 und 2006 eine Gastprofessur für Photographie an der Hochschule für Künste Bremen übernommen. Wohn- und Ateliersitz sind in Köln.

Als Werkübersicht konzipiert ist eine Ausstellung entstanden, die Arbeiten von den achtziger Jahren bis in die Gegenwart umfasst und dabei Beispiele aus den Werkserien Hochbunker, Wohnhäuser, Konstruktionen, Felder und Landschaften, Fakes und Artefakte vorstellt. Begleitet wird die Ausstellung von einer umfangreichen Monographie. Ohne die Chronologie von Beckers Bildreihen und Einzelarbeiten in den Vordergrund zu stellen, werden sämtliche, unter dem Gesichtspunkt ästhetischer und kulturhistorisch immanenter Fragestellungen aufeinander Bezug nehmenden thematischen Segmente vorgestellt. Sie können gleichsam als Denk- und Bildräume, anregend für ein breites Publikum sowie für ein Fachpublikum verstanden werden.
 
Boris Becker bezeichnet sich selbst als Bildfinder. Seine Aufnahmen entstehen vornehmlich in Deutschland, Italien, Belgien und Polen. Ein Projekt führte ihn sogar in den Westen Algeriens. Generell geht es ihm aber nicht um die Dokumentation landesspezifisch bedeutsamer Orte, Bauwerke oder Aufnahmen von Menschen, sondern um eine kontinuierlich durchgeführte photographische Studie von ihm entdeckter Facetten, die oft übersehen, allgemein für die menschliche Existenz, ihren Umgang mit ihrem Lebensumfeld, Natur- und Kulturraum, Wahrnehmung und Medienreflexion sprechend sind. Verschieden abgestuft realisiert er auf Farb-, Flächen- und Strukturwerte konzentrierte, zeichenhaft abstrakte Bilder, die vielfach großformatig umgesetzt, nüchterne Assoziationsfelder bieten und gelegentlich eine Brücke zur Farbflächen-Malerei schlagen.
Behält er auch technisch die von seinen Lehrern Bernd und Hilla Becher bevorzugte Methode der Großbildphotographie bei, die ein kompositorisch gelungenes und ein detailgenaues Abbild der Wirklichkeit begünstigt, sieht er seine Aufgabe weniger in der Wiedergabe objektiv wahrgenommener Umstände, sondern vielmehr darin, das Vertrauen in die Wirklichkeit sowie in auf sie Bezug nehmende Bilder auf den Prüfstand zu stellen. In einem Gespräch mit Heinz-Norbert Jocks, 1999, sagte er: „Ich habe den Glauben an die Möglichkeit photographischer Realitätsdarstellung verloren. Daraus ergab sich meine Idee, photographierend die Balance zwischen Sichtbarem und Nichtsichtbarem zu halten. Der Betrachter soll sich nicht so sicher sein, ob, was er erkennt, wirklich dem Gezeigten entspricht, und ob da überhaupt eine Aussage über das Abgebildete vorliegt.“ Beckers Arbeiten sind insofern ein Appell zur genauen Selbstvergewisserung des Betrachters und zur Hinterfragung der dokumentarisch verbindlichen Aussagekraft des Mediums.
Bereits in seiner frühen schwarzweiß und farbig ausgearbeiteten Bildreihe von Hochbunkern, aufgenommen in vielen deutschen Städten kündigt sich seine kritische Sicht auf die Dinge an. Auch hier richtet sich sein Blick weniger auf das Offensichtliche. Intuitiv wendete er sich mit den ausgewählten Bauten Motiven und Formen zu, die ihre Funktion beinahe oberflächenversiegelt, eher verbergen, als offen legen. Mit dieser fundamentalen Serie verbindet sich also deutlich ein faszinierendes Kapitel deutscher Architekturgeschichte.
Fortsetzung findet dieser Arbeitsansatz im Internationalen in Boris Beckers Auseinandersetzung mit der Wohnarchitektur, mit Reihen- und Hochhäusern, die er farbig und auch in verschiedenen größeren Formaten ausarbeitet. Auch hier zeigt sich, dass Architektur kein statisches Phänomen ist, ein originaler Zustand, kaum dass er hergestellt ist, bereits individuellen Veränderungen anheim fällt. Zeugnis davon sind etwa Klinkerfassaden, Verputzungen und Gartengestaltungen, die nicht zuletzt auch Zeitgeschmack und gesellschaftliche Notwendigkeiten verdeutlichen.
Widmet sich Boris Becker technischen Baukonstruktionen, Gerüsten, Rohbauten oder Ruinen, so fasziniert ihn auch hier die vom Entstehungs- und Alterungsprozess gezeichnete Form temporären Charakters. Auch hier ist es weniger die Funktion als die ästhetische Qualität, mag man in seinen Motiven zuweilen auch minimal-artige Objekte entdecken.
Des Weiteren lassen sich in Beckers Landschaften, Ackerflächen und Wiesen – oder nennt man sie eher monochrome Naturfelderkomplexe – menschliche Eingriffe in die Natur erkennen. Ohne Passepartout präsentiert, wirken sie unfassbar, grenzen- und ortslos, mit Fokus auf ihre Ausschnitthaftigkeit, ähneln sie aber auch überdimensionalen Präparaten oder Erdproben, die objekthaft der Wirklichkeit entnommen, zu einem geradezu wissenschaftlichen Zugriff verleiten. 
Dass in Beckers Arbeiten gelegentlich Marcel Duchamp mit seinen Ready-mades Pate stand, lässt sich an der Reihe seiner Werkgruppe Fakes (Fälschungen) besonders gut ablesen. Zwar sind es nur bedingt Alltagsgegenstände, die er hier als Motive nutzt, doch ihre profane Herkunft ist nicht von der Hand zu weisen. Meist handelt es sich um Objekte, die vom Zoll als Schmuggelware, beziehungsweise als Beweismittel sichergestellt wurden. Doch in der Sachaufnahme entkontextualisiert, ohne Vorinformation betrachtet, wecken sie Neugier und verdeutlichen, wie sehr der visuelle Eindruck an unsere Erfahrung, unser Wissen gebunden und damit auch kulturell begrenzt ist.
Die Reihe Westsahara bildet einen Exkurs in Beckers Werk, widmet er sich darin einem explizit sozialen Thema und nutzt journalistische Praktiken ohne jedoch seine Bildsprache aufzugeben. Erzählerische Bilder sind darin enthalten, die die enorm kargen Lebensverhältnisse der Menschen in Siedlungsgebieten der Sahara im Westen Algeriens unsentimental vor Augen führen. Er besuchte den Landstrich gemeinsam mit einem Vertreter der UNO-Flüchtlinghilfe im Februar 2007. In Folge konnte Becker unter dem Titel Stille Fluchten in der Bundeskunsthalle Bonn eine beeindruckende Ausstellung zeigen.

Reisen und Unterwegssein bedeutet für Boris Becker Erfahrungen sammeln und Bildern begegnen – unabhängig, ob in Deutschland, im europäischen Ausland oder in der Ferne. Und doch ist sein Werk nicht auf das Reisen angewiesen. Tatsächlich beginnt die Reise im Kopf, oder mit den Worten von Boris Becker: „Die Kunst geht durch den Kopf“.

Buchhinweis:
Boris Becker. Photographien 1984–2009, mit Texten von Siegfried Gohr, Martin Hochleitner und einen Gespräch mit Boris Becker, Gabriele Conrath-Scholl und Barbara Hofmann-Johnson, ca. 280 Seiten, Köln: DuMont, 2009