Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur -  Blossfeldt
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Karl Blossfeldt: nicht näher bestimmbarer Farn. Junge, noch eingerollte Blätter, o. J.

13. März bis 7. Juni 2009

Pflanzenstudien von Karl Blossfeldt und verwandte Positionen

Eine Ausstellung der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln, in Zusammenarbeit mit der Universität der Künste Berlin, zusammengestellt von Gabriele Conrath-Scholl, Rajka Knipper und Claudia Schubert

In der Ausstellung werden erstmals die berühmten Pflanzenstudien von Karl Blossfeldt (1865–1932) umfangreich und im Originalabzug in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln, präsentiert. Arbeitete der Künstler vor allem mit dem Medium der Photographie, so werden diese ferner auch von seinen Herbarien und von Bronzen nach Pflanzenvorbildern aus der Zusammenarbeit mit seinem Lehrer Moritz Meurer begleitet. Die Werke sind weitestgehend Leihgaben der Universität der Künste Berlin, mit der die Kölner Institution seit 1999 eine enge Kooperation hinsichtlich der dortigen Sammlung Karl Blossfeldt verbindet. Gemeinsam haben sich die Institutionen zum Ziel gesetzt, diesen kunst- und photographiegeschichtlich wichtigen Bestand kontinuierlich wissenschaftlich aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit vorzustellen. In diesem Rahmen wird in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur dauerhaft eine repräsentative Reihe von Blossfeldt-Photographien bewahrt und für Ausstellungen zur Verfügung gestellt.

Rahmenüberlegungen – Blick in die Sammlung

Die aktuelle Ausstellung gibt in besonderer Weise Gelegenheit, die gute und sachbezogene Kooperation zwischen den beiden Institutionen vorzustellen, für die eine schöpferische und wissenschaftlich fundierte Archivarbeit ein wesentliches Moment darstellt. In Bezug auf die Werkgenese Blossfeldts bedeutet dies, hinsichtlich des Zeitkontextes oder seines Einflusses Fragestellungen zu entfalten und Antworten zu präzisieren. Dabei soll nicht übersehen werden, dass es diesbezüglich bereits wertvolle Vorstöße aus anderen Richtungen, in Form von Ausstellungen, Publikationen oder Symposien gab. Entsprechend gilt die jetzige Zielrichtung einer integrativen Blossfeldt-Forschung mit Blick auf das Gesamtphänomen.
Für die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur erweist sich die Präsentation darüber hinaus als ein wiederholt wichtiger Schritt, die eigene institutionelle Ausrichtung zu verdeutlichen. Neben der Kooperation am Werk von Karl Blossfeldt sind dies bekanntermaßen weitere richtungsweisende sachlich- und konzeptorientierte photographische Werke, die insbesondere im Geist der Aufbruchstimmung der 1920er- und der 1960er-/1970er-Jahre entstanden oder damit in künstlerischer Beziehung stehen. Diejenigen Werke, die von der Kölner Institution im Laufe der vergangenen Jahre mit Blick auf die botanische Themenstellung erworben wurden oder als Dauerleihgaben langfristig gesichert werden konnten, sind nun auch Bestandteil der aktuellen Präsentation. Dazu gehören Arbeiten von Pietro Guidi, August Kotzsch, Paul Dobe, Arbeiten aus dem Folkwang-Auriga Verlag, von Fred Koch, Albert Renger-Patzsch, Else Thalemann, August Sander, Ruth Lauterbach-Baehnisch, Ruth Hallensleben, Dr. Herbert W. Franke und Lawrence Beck. Sind auch Arbeiten der jüngeren Künstlerinnen Natascha Borowsky oder Simone Nieweg in der hauseigenen Sammlung vortreten, so stellen beide jedoch mit Blick auf ihre aktuelle Arbeit Photographien aus eigenem Besitz zur Verfügung.
Die Ausstellung Pflanzenstudien von Karl Blossfeldt und verwandte Positionen erweist sich so auch als ein themengebundener Einblick in den Sammlungsbestand der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, der im Wechsel von Historischem und Zeitgenössischem in den vergangenen Jahren um eine große Zahl von photographischen Werkgruppen sinngerecht erweitert wurde.

Künstler und Leihgeber
Um in der Ausstellung ein möglichst geschlossenes, aber auch lebendiges Bild rund um das Schaffen von Karl Blossfeldt zu geben und aufschlussreiche Positionen vorzustellen, die innerhalb der Rezeptionsgeschichte Blossfeldts zwar vielfach Erwähnung fanden, aber nur selten oder gar nicht in Ausstellungen mit seinen Werken kombiniert wurden oder solche Arbeiten zeigen zu können, die neue Gedankenverknüpfungen ermöglichen, sind für die Ausstellung wichtige Leihgaben hinzugezogen worden. Dies sind insbesondere selten gezeigte Arbeitscollagen von Blossfeldt, die er mit Kontaktabzügen seiner Negative als Übersichten seiner Pflanzenaufnahmen anlegte. Sie wurden aus dem Karl-Blossfeldt-Archiv/Ann und Jürgen Wilde, Zülpich, entliehen, in dem sich der umfangreichste Bestand an Originalphotographien aus dem Nachlass des Künstlers befindet. Überdies stammen die vorgestellten Druckgraphiken von Moritz Meurer aus dem Besitz der Universität der Künste Berlin, Universitätsarchiv und dem GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig, und Meurer-Zeichnungen aus seinem Nachlass im Museum Waldenburg, Bücher von Ernst Haeckel aus dem Besitz von Hilla Becher und der Bibliothek der Universität der Künste Berlin, Kunstdrucke nach photographischen Vorlagen von Martin Gerlach aus der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Photographien von Wilhelm Weimar aus dem Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Arbeiten von Anna Atkins aus der Sammlung des Museum Ludwig Köln und der Sabine Schmidt Galerie Köln, die auch Werke von Lady Hatton, August Kotzsch und Adolphe Braun zur Verfügung gestellt hat, Photographien von Charles Jones aus der Galerie Kicken Berlin und einer Kölner Privatsammlung, Photogramme von Lou Bonin-Tchimoukoff von der Galerie Johannes Faber, Photographien aus dem Historischen Bildarchiv Dr. Paul Wolff & Alfred Tritschler, Offenburg, Photographien von Peter Keetman aus dem Von der Heydt-Museum Wuppertal, Arbeiten von Herman de Vries von der Daimler AG, Stuttgart, photographische und filmische Sequenzen von Helmut Schweizer aus der Galerie Rupert Pfab, ein Phototableau von Claudia Fährenkemper aus ihrem Besitz, Werke von Joan Fontcuberta von der DZ Bank Frankfurt, Plastiken von Leiko Ikemura aus ihrem Besitz und Plastiken und Photographien von Gerhard Winkler, die ebenso Eigentum des Künstlers sind. Das Werk Blossfeldt konnte so in einen künstlerischen Kreis gestellt werden, der vielfältige Anknüpfungspunkte bietet. Für die freundliche Unterstützung durch die Leihgeber bedanken sich die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur und die Universität der Künste Berlin sehr herzlich.

Karl Blossfeldt und sein Lehrer Moritz Meurer
Innerhalb dieses für Blossfeldt entworfenen künstlerischen Spektrums gilt ein Hauptaugenmerk der Ausstellung der Zusammenführung und Präsentation der unterschiedlichen Konvolute der Berliner Sammlung Karl Blossfeldt. Ausgewählte Photographien, Herbarien, Skulpturen sowie Dokumente aus dem Universitätsarchiv geben einen detaillierten Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers, der rund dreißig Jahre an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums bzw. an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst Berlin, Vorgängerinstitutionen der Universität der Künste Berlin, das Naturformenstudium lehrte. Seine photographischen Pflanzenstudien setzte Karl Blossfeldt spätestens ab 1906 im Unterricht als Vorlagen ein.
Zuvor hatte er wesentliche Impulse für sein Fach von Moritz Meurer (1839–1916) erhalten, der als Graphiker und Maler arbeitete und für den Blossfeldt von 1892 bis 1895 in Rom als Stipendiat tätig war. Dort wurden auf der Grundlage von Meurers Konzept Pflanzenvorlagen in Form von Präparaten, Plastiken und Zeichnungen, sowie auch schon als Photographien erarbeitet, die anschließend im Unterricht Einsatz finden sollten. Meurers Idee, die grundlegenden Formen der Natur, wie sie der Aufbau einer Pflanze vor Augen führt, für architektonische, künstlerische und kunsthandwerkliche Objekte oder Ornamente zum Vorbild zu nehmen, ist in die Photographien von Blossfeldt eingeflossen und von ihm konsequent weiterverfolgt worden.
Die Bekanntheit Karl Blossfeldts verdankt sich der Rezeptionsgeschichte zufolge vor allem dem glücklichen Umstand, dass der Berliner Galerist Karl Nierendorf auf ihn aufmerksam wurde und 1926 die erste Ausstellung mit Blossfeldts Photographien außerhalb des Schulkontexts realisierte – eine Präsentation, die große Resonanz erhielt. 1928 erschien ebenfalls auf Initiative Nierendorfs die Publikation Urformen der Kunst mit 120 Tafeln nach Pflanzenphotographien von Blossfeldt, die gleichfalls begeistert aufgenommen wurde, so dass schon in den unmittelbaren Folgejahren fremdsprachige Ausgaben in Englisch, Französisch und Schwedisch erschienen.
Die noch unter dem Eindruck des ornamentalen Jugendstils – wenngleich als Gegenreaktion – entstandenen Pflanzenphotographien sind in der Blüte der Neuen Sachlichkeit sehr positiv aufgenommen worden. In diesen Studien schien sich die in der Kunst der 1920er-Jahre neu gesetzte Maxime in hohem Maße einzulösen, mit der man forderte, die Dinge ohne künstlerische Umschweife, in einer klaren Bildsprache authentisch, gleichfalls als Erkenntnisgewinn über ihre Natur darzustellen. Dass Blossfeldt dies vollkommen zwanglos gelang, ist umso erstaunlicher, als er doch seine Leistung scheinbar unbeeindruckt von der Fragestellung um eine künstlerische oder photographiegeschichtliche Einordnung erbrachte. Motiviert wurde er in erster Linie durch eine didaktische und pragmatische Absicht, die von ihm dargestellten Pflanzenformen in großer Genauigkeit abzubilden, um so einwandfreie Studienvorlagen zu liefern, die seine Studenten zur künstlerischen Umsetzung anregen sollten. Mit seiner sachbezogen, leidenschaftlichen Konzentration auf ein Thema, das er beinahe endlos auf kleinem Feld variierte und so für ein vergleichendes Sehen öffnete, wurde er vor allem wieder seit den 1970er-Jahren im Zuge einer Neuorientierung des Mediums sehr geschätzt und gewann so auch indirekt auf die zeitgenössische Kunst Einfluss bis hin, dass das Wissen um seine Bilder die heutige Betrachterperspektive lenkt.
Karl Blossfeldt hat seinen Erfolg nicht lange erlebt, er starb im Dezember 1932, im Erscheinungsjahr seines zweiten Buches Wundergarten der Natur.

Im Spektrum
Mit Blick auf die Rezeption und Einbindung von Blossfeldts Arbeit führt die Ausstellung das botanische Thema vor dem Hintergrund der künstlerischen Auseinandersetzung mit Form und Struktur weiter. Dabei werden vor allem Werke und Werkgruppen einbezogen, die Blossfeldt stilistisch und methodisch nahe stehen. Die Spannweite der einbezogenen Exponate reicht von einer dezidierten Formanalyse einzelner botanischer Details über die dokumentarische Erfassung komplexer Natur- und Lebensräume bis hin zu einer assoziativen Betrachtung der Pflanzen. Die Übergänge sind fließend.

Zielsetzungen vor 1900 – Frühe verwandte Bildergebnisse
Der Intention Karl Blossfeldts folgend, die Pflanzenphotographien als künstlerische Vorlagen anzufertigen und einzusetzen, werden in der Ausstellung exemplarische Werke präsentiert, die an die Tradition der Musterbücher anknüpfen. Hierzu zählen die Bildtafeln des Mappenwerks Formenwelt aus dem Naturreiche (1902 bis 1904) von Martin Gerlach ebenso wie die Blumenstücke von Adolphe Braun, einem der ersten erfolgreichen Unternehmer auf dem Gebiet der Reproduktionstechnik. Ernst Haeckels berühmtes, von 1899 bis 1904 erschienenes Portfolio Kunstformen der Natur war insbesondere für die Künstler des Jugendstils eine einzigartige Inspirationsquelle. Es verbindet naturwissenschaftliche Theorie (Darwin) mit künstlerischer Formgestaltung.
Des Weiteren werden ausgewählte historische Positionen gezeigt, die eine naturwissenschaftlich orientierte Formanalyse am Beispiel isoliert dargestellter Pflanzen verfolgen (Anna Atkins, Lady Hatton) oder solche, die Pflanzen oder Früchte direkt in ihrer natürlichen Umgebung photographieren, wie beispielsweise der aus Loschwitz, einem Ort in der Nähe von Dresden, stammende Photograph August Kotzsch. In der Bekanntschaft mit dem Landschaftsmaler Ludwig Richter treffen sich August Kotzsch und Moritz Meurer, beiden hat Richter – wenn auch nicht zeitgleich – erste künstlerische Grundlagen vermittelt.
Die Naturaufnahmen von Pflanzen, Früchten und Gemüse, wie sie von Charles Jones und Wilhelm Weimar erhalten sind, zeichnen sich durch eine sachliche Sicht und Strenge aus, die die Form und die Stofflichkeit der dargestellten Objekte betonen.

1920er- und 1930er-Jahre – Gewandelte Bildformen – Zielverschiebungen
Die für die Geschichte der Photographie so bedeutenden Dekaden der 1920er- und 1930er-Jahre, als auch Blossfeldts Werk zu breiten Ansehen gelangte, sind unter anderem mit einem Konvolut von Aufnahmen aus dem Folkwang-Auriga Verlag vertreten, einer Pflanzengruppe von Dr. Paul Wolff und Alfred Tritschler, Photographien von Paul Dobe, Photogrammen von Lou Bonin-Tchimoukoff und botanischen Studien von August Sander.
Die stilistische Bandbreite der Arbeiten verdeutlicht die vielfältigen Innovationen, die das Pflanzenthema hervorgerufen hatte. Während sich die Aufnahmen aus dem Folkwang-Auriga Verlag gemäß den biosophischen Ideen des Spiritus Rectors Ernst Fuhrmann um eine Wesensverwandtschaft zwischen Pflanze und Tier drehen, verweisen die botanischen Studien von August Sander auf das physiognomische und enzyklopädische Interesse des Photographen. Widmete Sander sich den Menschen, der Architektur oder der Landschaft, so richtet er auf dem Gebiet der Botanik seinen Blick gleichfalls auf das typisch Signifikante ebenso wie auf die Voraussetzungen und den Kontext des Objekts. Neben originalen Schwarzweißabzügen sind in der Ausstellung zuvor nie gezeigte Farbautochrome aus konservatorischen Gründen als Reproduktionen in Leuchtkästen zu sehen, die mit Bezug auf zeitgenössische Arbeiten eine erfrischende Modernität ausstrahlen.
Das Thema der Pflanzendarstellung hat Dr. Paul Wolff in seinem Buch Formen des Lebens. Botanische Lichtbildstudien, 1931 in der Reihe Die Blauen Bücher des Verlags Karl Robert Langewiesche, zusammengefasst. Kurz zuvor waren Karl Blossfeldts Urformen der Kunst (1928) und Albert Renger-Patzschs Die Welt ist schön (1928) auf dem damals ausgesprochen aktiven Photobuch-Markt erschienen und beide Bücher waren für Wolff Maßstab wie Herausforderung zugleich.
Auch von Paul Dobe erscheint in der Reihe Die Blauen Bücher 1929 der Bildband Wilde Blumen der Deutschen Flora. Dobe, dessen Hauptthema die „kleine Blume“ war, die ihm als universales Beispiel zur Veranschaulichung der Prinzipien des Lebens diente, hat 1903 an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums in Berlin ein Studium begonnen. Möglicherweise ist er Karl Blossfeldt begegnet, der seit 1899 dort in der Lehre tätig war.

1960er-Jahre – Schönheit der Natur
Zwar war die Industriephotographie das Hauptarbeitsgebiet von Ruth Hallensleben, doch sie wendete sich auch dem Portrait und der Landschaft zu. Mit ihrem Umzug von Wiehl nach Wuppertal 1961 geht eine verstärkte Beschäftigung mit der Landschafts- und Architekturphotographie einher. Es sind gerade die Naturaufnahmen, die sie als freie Photographin umsetzt und die keinem Auftrag unterliegen. Die für die aktuelle Ausstellung ausgewählten Studien Ruth Hallenslebens von Gräsern, Blüten, Farnen und Pilzen zeichnen sich durch Konzentration und Ausgewogenheit aus, durch die unmittelbare Nahsicht entwickeln sie eine individuelle Lebendigkeit.
Die Photographien von Peter Keetman, einer der Protagonisten der subjektiven fotografie, zeichnen sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit Oberflächen, graphischen Strukturen und Phänomenen wie Transparenz und Spiegelungen aus. In der Ausstellung werden Aufnahmen von Gingko-Blättern, o. J., präsentiert. Insbesondere die prägnante Form des zweigeteilten Gingko-Blatts verweist auf eine reiche Symbolik, so hat beispielsweise Johann Wolfgang von Goethe das Gingko-Blatt als ein Bild der Freundschaft betrachtet.

Wissenschaftliche und künstlerische Aspekte verschmelzen
Die in der aktuellen Ausstellung gezeigten Arbeiten des Physikers, Publizisten und Künstlers Dr. Herbert W. Franke, einer der Pioniere der Computerkunst, sind in den 1950er-Jahren entstanden und basieren auf dem Röntgenverfahren. Die mit dieser Strahlentechnik durchleuchteten Früchte und Gemüse wirken weniger als natürliche Gewächse als vielmehr durch eine neu gewonnene graphische Präsenz. Transparent wie scharf umrissen entwickeln sie so im Bild eine besondere, verfremdet anmutende Leichtigkeit.
Auch Claudia Fährenkemper verwendet eine den Naturwissenschaften zur Verfügung stehende Technik. Das Rasterelektronenmikroskop ist ihr Medium, mit dem sie Insekten, Amphibienlarven, Pflanzensamen, Kristalle und Plankton aufnimmt. Was für das menschliche Auge in Natura nicht zu erkennen ist, machen Fährenkempers Photostudien bis in kleinste Detail sichtbar.

Finden, Erhalten und Systematisieren als künstlerisches Anliegen
Das Augenmerk von Simone Nieweg, Meisterschülerin von Bernd Becher an der Kunstakademie Düsseldorf, liegt auf Gärten, Feldern und Landschaften, weniger auf repräsentativen Anlagen, als auf Nutzgärten und Parzellen, die sich oftmals an den Randzonen der städtischen Bebauung befinden. Ihre wohl komponierten Farbphotographien sind der klassischen Landschaftsmalerei verwandt. Die in der Ausstellung präsentierte großformatige Photographie Erbsenfeld, Moussy-le-Vieux, Seine-et-Marne (F), 2006, gibt sozusagen einen Querschnitt einer Anpflanzung wieder. Von Weitem gesehen mischen sich die grüntonigen Farben zu einer diffusen, Urwald ähnlichen Formgebung, von Nahem liest sich das punktuell beleuchtete Bild in vielen Details. Die Pflanzendichte entfaltet sich mit ihren Blättern, Ranken und Schoten.
Der in New York ansässige Photograph Lawrence Beck konzentriert sich in seinen Photographien auf einen bestimmten Aspekt von Natur, wie er weltweit in Botanischen Gärten und Naturparks zu finden ist. Artifizielle Orte, an denen die Natur bewahrt und kategorisiert wird, in dem oft jeder Blume oder jedem Baum ein Namensschild mit der entsprechenden botanischen Bezeichnung zugeordnet wird. Die den Pflanzen beigegebenen Namen fungieren als konzeptueller Rahmen für Becks Photographien, die einer dokumentarischen Absicht folgen. In einer Reihe präsentiert, erscheinen seine Schwarzweiß-Bilder wie einem universellen Formenkatalog entnommen.
Einen Formenkatalog hat auch der Künstler Herman de Vries erstellt, wenngleich mit direkt in der Natur gesammelten Blättern verschiedener Heidelbeerarten. Seine  angewendete Methode der systematischen Anordnung verweist auf einen naturwissenschaftlichen Hintergrund. Es sind die Objekte selbst, die die Anordnung vorschlagen und die er zum sprechen bringen möchte. Der Verzicht auf jegliche persönliche Ästhetik ist Programm und verbindet seine Intention mit dem Ruf nach Sachlichkeit der 1920er-Jahre.
Den Aspekt des Findens von Formen in der Natur und des Eingreifens thematisiert der Künstler Helmut Schweizer. Seine Arbeiten sind der Performance verwandt, er setzt das Medium der Photographie und des Films zur Dokumentation von Handlungsabläufen ein, die er meist in persona, in und mit der Natur vollzieht. Die in der Ausstellung gezeigten Sequenzen Handlungen – Erinnerungen, 1970 – 1974, werden seit 1978, erstmalig wieder zu sehen sein. An ihnen verdeutlicht sich eine ursprünglich unbeabsichtigte Nähe zu Karl Blossfeldt. Wird hier nämlich gerade der Eingriff und die Auseinandersetzung mit der natürlich gegebenen Pflanzengestalt thematisiert, der Blossfeldts Photographien in ähnlicher Weise voraus ging, als er seine Objekte für die Photographie in Positur brachte. Während er seinen Formwillen im Endresultat zeigte, wird in den 1970-er Jahren das Prozesshafte in den Vordergrund gerückt.

Photographie und Skulptur
Wie facettenreich sich die Rezeption von Karl Blossfeldts Pflanzenaufnahmen in der Kunst bis heute darstellt, verdeutlichen zum Beispiel die Photographien des katalanischen Künstlers Joan Fontcuberta, der sich in seinen Aufnahmen der Pflanzenform in ihrer bildnerischen und skulpturalen Wirkung durch Hinzufügen ihr fremder Teile nähert.
Leiko Ikemuras Terrakotta- und Bronzeskulpturen assoziieren ganz direkt die von Karl Blossfeldt mehrfach aufgenommenen und bis zu 30fach vergrößerten Schachtelhalme. Ikemuras Skulpturen variieren die nach oben strebende Form, verbunden mit pflanzlich-organischen oder auch tierischen Figurfragmenten und Transformationen.
Gerhard Winkler arbeitet hauptsächlich im Bereich der Photographie und der Skulptur. Seine Werke zum Gegenstand der Pflanze sind in beiden Medien ausgeführt, die in Wechselwirkung miteinander stehen. Durch die Verwendung eines monochromen, hell-neutralen Fonds erzielt er bei seinen Photographien eine skulpturale Wirkung, so dass eine von ihm aufgenommene Pflanze viel mehr ein künstlerisches Gebilde assoziiert, als dass sie an eine natürlich gewachsene Form denken lässt.
Natascha Borowsky, Meisterschülerin von Bernd Becher an der Kunstakademie Düsseldorf, arrangiert von ihr gesammelte Objekte, zumeist aus der Natur, oder vom Weg aufgelesene Gegenstände des täglichen Gebrauchs auf oft eigens hergestellten Hintergründen, farblich abgestimmt mit nur wenig räumlicher Tiefe. Die nur einige Zentimeter großen Objekte werden so zu individuellen skulpturalen Formen. Es entstehen stille, fast meditative Bilder, die Natur- wie Kunstformen überzeugend zu verbinden wissen.
Hatte auch Blossfeldt um die Jahrhundertwende Pflanzenskulpturen in Bronze erarbeitet, so wird mit diesen objektbezogenen Arbeiten eine interessante Brücke in die Neuzeit geschlagen.

Blossfeldt-Internetplattform – www.blossfeldt.info
Anlässlich der Ausstellung Pflanzenstudien von Karl Blossfeldt und verwandte Positionen präsentiert die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur auf ihrer Internetseite ein in der Kölner Institution erarbeitetes wissenschaftliches Verzeichnis sämtlicher 631 Photographien, 39 Herbarien und 57 Bronzen aus der Sammlung Karl Blossfeldt der Universität der Künste Berlin zusammen mit Schriftstücken aus dem Universitätsarchiv. Eine Besonderheit für die Forschung ist dabei, dass jeder Photographie nicht nur Konkordanzen zur Primär- und Sekundärliteratur beigegeben sind, sondern auch zum Blossfeldt-Negativ- und -Diabestand der Deutschen Fotothek Dresden und in Kürze auch demjenigen aus dem Karl-Blossfeldt-Archiv/Ann und Jürgen Wilde.
In Verbindung mit dem Werkverzeichnis ist ein Textforum zum Thema eingerichtet, das über die Lehrtätigkeit von Karl Blossfeldt am Beispiel von ausgewählten Schriftstücken und vor dem Hintergrund der Hochschulgeschichte sowie über die Rezeption des Œuvres in Druckwerken und Ausstellungen informiert.

Edition
Anlässlich der Ausstellung Pflanzenstudien von Karl Blossfeldt und verwandte Positionen gibt die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur gemeinsam mit der Universität der Künste Berlin eine Edition von vier Motiven Karl Blossfeldts heraus. Es handelt sich um Kunstdrucke mit hoch pigmentierten Epson UltraChrome K3-Tinten in Vivid Magenta-Technologie auf Ilford Galerie Gold Fibre Silk 310g/qm.
Auflagenhöhe: 150
Höhe: 30 cm (am Originalformat orientiert)
Pro Motiv: Euro 249,–
Bei Rahmung zzgl. ca. Euro 80,– (Eiche, mit Plexiglas, inkl. Passepartout)

Wildnis wird Garten wird Wildnis
Sonderschau der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur auf der Art Cologne, 22.4. – 26.4. 2009
Flankierend zur Ausstellung Pflanzenstudien von Karl Blossfeldt und verwandte Positionen, die die Pflanze als Objekt und künstlerisch anregende Formgestalt behandelt, bezieht sich die von dem Gastkurator Janos Frecot zusammengestellte Sonderschau auf die Vegetation im Landschaftsbild. Ausgangspunkt ist die Wildnis als unberührter prähistorischer Zustand der Natur. Sobald Menschen auftreten, geschehen Rodungen, es werden Gebiete abgesteckt und umhegt. So entsteht der Garten als Anbaufläche für Nahrung wie als Ort der Erholung. Werden Gärten vergelassen, übernimmt die Natur bald wieder die Herrschaft, eine Art Wildnis in nachkultureller Form als Brachland stellt sich ein. Diese Prozesse inspirierten bereits seit der Frühzeit der Photographie zur Aufnahme einer Vielzahl damit verbundener Motive.